Visagistin & Friseurmeisterin    

Heute, 2. Mai 2019

Warum fürchtet man sich eigentlich so sehr vor Zahlen? Oder anders gesagt, vor Daten. Wieso habe ich so sehr Angst davor, wie dieser Tag heute wird? Nur weil sich der Tod meines Vaters heute zum ersten Mal jährt? Aber abgesehen davon, ist der Tod und der Schmerz nicht an allen Tagen genauso schlimm und unerträglich? Irgendwie nicht. Heute ist alles besonders präsent. Ich weiß genau wie es heute vor einem Jahr war, aber das ganze Jahr dazwischen, ist einfach verflogen. Es hat mich wahrhaftig umgehauen, als ich zu meiner Mutter nach Hause kommen sollte und ich dort erfahren habe, dass der Papa am Morgen gestorben ist. Auf dem Weg zum Sport, mit dem Fahrrad, wurde er von einem LKW mitgenommen. Überfahren. Die absolute High-class-Katastrophe. Ein Urschrei bricht aus.
Wie gelähmt stehe ich auf. Ich bin wie betäubt, weiß nicht, was ich denken soll, weiß nicht, was ich sagen soll, alles, was ich weiß, ist, dass jetzt alles anders ist. Und es niemals mehr so sein wird, wie es früher einmal war. Die Anwesenheit des Todes ist überall im Körper zu spüren. Sie legt sich wie ein dunkler Schleier über mich und umhüllt alles. Aber dennoch kann der Tod noch nicht richtig ins Bewusstsein gerückt werden. Irreal, nicht wirklich, ich komme mir vor wie in einem falschen Film. Ein wahr gewordener Alptraum, das ist es.
Man sagt, Trauer äußere sich in fünf Phasen: Verdrängung, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Wer dieses Modell aufgestellt hat, hat die Komplexität meiner eigenen Gefühle definitiv nicht verstanden. Ich habe die Phasen nicht chronologisch abgearbeitet. Stattdessen habe ich welche ausgelassen, bin wieder auf Anfang gegangen. Wenn ich glaubte, die Situation endlich akzeptiert zu haben, fiel ich wieder in ein Loch aus Verdrängung, Wut und minimaler Depression.

„Monate später tritt der Schmerz oft aus dem Nichts auf – an Tagen, die nicht vom Kalender bestimmt sind.“

Zum Beispiel, wenn ich klettern gehe (mein Papa und ich haben seit Jahren dieses Hobby geteilt) oder bestimmte Songs höre, an Feiertagen und Geburtstagen, wenn meine Freunde an den Wochenenden bei ihren Familien zum Essen eingeladen sind und ich alleine zuhause sitze, wenn ich Väter mit ihren Kindern sehe oder wenn ich etwas geschafft habe, worauf ich stolz bin und gerne seine Bestätigung hören würde. An Tagen, an denen ich mich zurückerinnere und realisiere, dass ich das Glück hatte, achtundzwanzig Jahre lang Erinnerungen sammeln zu können und ich dann im selben Atemzug denke, ich hätte auch locker noch weitere achtundzwanzig Jahre mit ihm verbringen können.

Der Tod ist nicht mehr das, worin die anhaltende Traurigkeit liegt. Viel schlimmer sind die, eigentlich gutgemeinten Fragen von Bekannten, die uns gemeinsam kennen: „Lisa, wo ist eigentlich dein Papa, ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen?“… Joar… Wenn ich das wüsste. Ich habe mir dann vorgestellt, was ich einem kleinen Kind erzählen würde, wenn so eine Frage aufkommt: „Schau hoch zu den Sternen und such dir den schönsten aus, das ist dein Papa und mit dem kannst du immer reden“. Ich wusste nie wie ich es jemandem sagen soll. Allgemein fiel es mir immer sehr schwer darüber mit jemandem zu sprechen. Es gibt einfach nicht die richtigen Worte dafür. Es ist wahr, dass mit der Zeit der Schmerz weniger wird. Es wird leichter, mit dem Verlust zu leben und es wird einfacher, sich an die glücklichen Momente zu erinnern, ohne gleich in Trauer zu versinken.
Die Traurigkeit, die noch immer nachhallt, liegt vielmehr in den Dingen, die er verpasst. All die Erinnerungen, Erlebnisse und Meilensteine, die wir als Familie im letzten Jahr gesammelt haben und in Zukunft sammeln werden, die er nicht miterleben wird. Seine Seele war wohl einfach für etwas viel größeres bestimmt.

In dieser Zeit habe ich einige Dinge gelernt, die mich zu der Person machen, die ich heute bin. Dinge, die man nur verstehen kann, wenn man auch getrauert hat.
Wenn man merkt dass man nicht mehr kann, muss man sich eine Pause gönnen, aber man sollte nicht aufgeben! Es ist wichtig zu realisieren das man in schweren Situationen selten allein ist und das man noch seltener auf Unverständnis stößt. Man bekommt Verständnis und Unterstützung dafür, dass man sich eine Zeit zurückzieht, schnell gereizt ist und kein Interesse am „normalen“ Leben hat.

“Grief, I’ve learned, is really just love. It’s all the love you want to give, but cannot.”

– So fühlt es sich an, sein Leben weiterzuleben, eine Person zu lieben, der man das nicht mehr zeigen kann. Eine Person nicht anrufen, um nach Rat zu fragen und wichtige Momente nicht mehr teilen zu können. Wenn ich heute wieder darüber nachdenke, bin ich reflektiert genug, das Schöne an all dem zu erkennen. Ich bin nicht dankbar für die Erfahrung, ein Elternteil verloren zu haben, aber genau diese Erfahrung hat mich viele Lektionen gelehrt. Ich bin dankbar für all die Liebe, die ich in meinem Leben bekomme. Auch dafür, dass mein Vater nicht, durch lebenserhaltende Maschinen, im Bett liegen muss und vor allem dankbar für so eine starke Mama. Ich bin dankbar für meine Familie, für meinen Freund und meine Freunde, für die Tatsache, dass ich ein Leben habe und dass ich gesund bin.
Ja, das Leben ist nicht fair und Schicksalsschläge treffen einen immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet, wir als Familie hätten nie gedacht, dass uns so ein Schicksal trifft; man wird mit aller Kraft des Universums in ein schwarzes Loch gesogen, aus dem man nur schwer selbst wieder herausfindet. Ohne familiären und freundschaftlichen Rückhalt hätte ich die Zeit vermutlich nicht überstanden. Genau aus diesem Grund hege und pflege ich die Verbindung zu meiner Familie und meinen Freunden so gut ich kann und nehme die gemeinsame Zeit jetzt noch intensiver wahr. Es kommt halt doch immer anders, als man denkt. Also geht raus und macht jeden Tag zu einem ganz besonderen und vorallem geht mit jedem Menschen, dem ihr begegnet, in Frieden auseinander.

„Das einzige, was man für den Verstorbenen tun kann, ist sein Leben so weiterzuleben, als wäre er noch immer da.“

– glücklich, schön, positiv und voller Emotionen!
Das hätte Papa sich für uns gewünscht. Für mich ist nun ein Engel geboren, der beste Wegweiser auf meiner Schulter.

Die Erfahrung, ohne Vater zu leben, beeinflusst mich weiterhin in vielerlei Hinsicht. Ich bin dankbar für alle, die ein offenes Ohr haben, wenn ich es brauche und genau aus dem Grund schreibe ich diese Zeilen, weil ich weiß, dass da draußen jemand ist, der darin Trost findet, zu wissen, dass er nicht alleine ist. Dass jeder anders trauert, wir aber irgendwie doch alle miteinander verbunden sind. Dass die Person nicht von uns gegangen ist, sondern in uns – in meinen Schwestern, in mir und in meiner Mama, in seiner Mama, seinen Geschwistern und seinen Freunden – weiterlebt.

Nehmt euch also Zeit und schöpft neue Kraft, seid da für eure Liebsten und helft ihnen wenn ihr es könnt. Lasst euch Zeit mit euren Kunden, sie verstehen einen. Gebt nicht auf und kümmert euch dann um euer Gewerbe, wenn die Kraft dazu da ist. Von heute auf Morgen wird nichts den Bach runtergehen, solange die wichtigsten Abläufe am Laufen gehalten werden. Und ehe man sich versieht kommen auch wieder bessere Zeiten, denn das Leben ist wie eine Achterbahn mit vielen Aufs und Abs und an jeder Situation wird man ein bisschen wachsen.

Ich schaue aus dem Fenster, genieße die hereinbrechenden Sonnenstrahlen und realisiere, dass aus mir, trotz tiefer Trauer eine reflektierte junge Frau geworden ist, die im Moment lebt, das Beste aus dieser kurzen Zeit, die wir haben, macht und die viel und oft lacht. Und darauf wäre mein Vater sicher stolz!

„Wer den Sinn des Lebens kennt, wird auch eine schöne Spur hinterlassen.“

Das was wirklich zählt im Leben, lässt sich nicht zählen. Es lässt sich nur im Herzen fühlen. Es gibt unendlich viele Zahlen zwischen 0 und 1 : 0,1 & 0,12 & 0,122 und natürlich noch viel mehr unendlich viele Zahlen zwischen 1 und 1.000.000. Manche Unendlichkeiten sind größer als andere Unendlichkeiten. Ich bedaure das die Unendlichkeit meiner Zahl so klein ist und hätte gerne mehr als mir wahrscheinlich zusteht. Und ich hätte gerne mehr Zahlen für meinen Papa gehabt, als er bekommen hat. Aber Papa ich kann dir nicht sagen, wie unendlich dankbar ich für unsere kleine Unendlichkeit bin. Du hast mir mit deinen gezählten Tagen eine Ewigkeit geschenkt und dafür bin ich sehr dankbar.
Diese wunderschöne Rede stammt aus dem Buch: Das Schicksal ist ein mieser Verräter.

„Weil man ein Wunder das man erlebt hat nie mehr vergisst.“

Philosophisch betrachtet ist die Frage nach dem Tod untrennbar verbunden mit der Frage nach dem Leben. „Leben heißt ja auch, sich zu etwas hin zu entwickeln. Kräfte zu mobilisieren, Projekte zu stemmen. Das, was der Philosoph Friedrich Nietzsche die Lebenssteigerung nennt.“ Der Tod, die Begrenztheit der Lebenszeit, gebe allem, was man tut, überhaupt eine Relevanz. Ich weiß für mich jetzt noch mehr was ich möchte und stecke all meine Liebe in mein handwerkliches Geschick.


https://velocityruhr.net/blog/2018/05/11/ghost-bike-luenen-ride-of-silence-dortmund/

Ein ganz herzliches Dankeschön, geht an die Aktivisten, der Organisation „Ride of silence“.

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16. April 2019